14.000.000

 

Ungefähr die Hälfte aller Fernsehgucker saß am vergangenen Samstag vor Wetten, dass…. 
Über 14.000.000 Leute. 
Das sind mehr als 200 riesengroße Fußballstadien voll. 
Alle gleichzeitig. 

Was war denn da los, habe ich mich gefragt und damit eine Diskussion in meinem Kopf losgetreten. 

Fra(n)g:
Nichts als Sehnsucht nach der guten alten Zeit. 
Rückwärtsgewandt. Unmodern. Typisch deutsch. 
 
ANTreas:
Sie klingen gerade, als ob das Königlich Bayerische Amtsgericht die Macht übernommen hätte.
 
Fra(n)g:
Okay, das war vielleicht ein bisschen zu engagiert formuliert. 
Aber man fragt sich doch, warum so viele Leute eine alte Show mit einem ältlichen Moderator sehen wollen?
 
ANTreas:
Vielleicht, weil sowohl das Konzept als auch der Moderator forever young sind.
 
Fra(n)g:
<guckt erstaunt>
Haben sie die Sendung gesehen?
 
ANTreas:
Nein.
 
Fra(n)g:
Das merkt man. 
Da war nichts jung.
 
ANTreas:
Dann lag es vielleicht daran, dass ein bisschen Retro immer im Trend liegt.
 
Fra(n)g:
Da war auch nichts retro. 
Nicht mal einen Einspielfilm mit den schönsten Momenten der letzten vierzig Jahre gab es. 
 
ANTreas:
Also einfach eine Sendung wie früher. 
Nur heute.
 
Fra(n)g:
Altmodischer Kram, würde ich sagen. 
 
ANTreas:
Muss ja nicht schlecht sein.
 
Fra(n)g:
Wollen sie, dass Helmut Kohl als Kanzler wiederaufersteht? 
 
ANTreas:
So weit würde ich nicht gehen. 
Aber es muss auch nicht alles dynamisch, digital und agil sein. 
 
Fra(n)g:
Warum nicht?
Man muss mit der Zeit gehen. 
 
ANTreas:
Jedem Trend hinterherzuhecheln wird machmal als Nachdenk-Ersatz genutzt. 
 
Fra(n)g:
An alten Traditionen festzuhalten auch. 
Wir sind doch schon viel weiter als Wetten, dass... und Tommi .  Was ist daran noch sehenswert?
 
ANTreas:
Vielleicht die Leichtigkeit.
Heute ist man oft so zielgerichtet. Ehrgeizig. Gewinnorientiert. Und vernünftig. 
 
Fra(n)g:
Im Fernsehen?
 
ANTreas:
Im TV und im richtigen Leben. 
Zeig mir, was du guckst, und ich sag dir, wie du bist. 
 
Fra(n)g:
Jetzt hätte ich beinahe „Huch“ gesagt. 
 
ANTreas:
Warum haben sie es nicht getan?
 
Fra(n)g:
Ich will mit ihnen diskutieren und keine Geräusche absondern. 
 
ANTreas:
Dabei wäre das mal schön.  
 
Fra(n)g:
Zeitverschwendung. 
 
ANTreas:
Mal etwas zu tun, was nicht lösungsorientiert ist, womit man auch nicht reich oder berühmt wird, kann bereichernd sein. 
 
Fra(n)g:
In der Glotze?
 
ANTreas:
Auch da. 
Wer heute bei einer Show mitmacht, will Superstar, Topmodel, Millionär, Bauersfrau, Prinzessinen- oder Prinzen-Begleitung, die Stimme des Landes – auf jeden Fall etwas Wichtiges werden. 
Fernsehshows tun so, als ob sie Lehre, Studium und Partnersuche ersetzen. 
Simsalabim, schon ist man mitten im erfolgreichen Super-Leben!
 
Fra(n)g:
Übertreiben sie nicht ein bisschen. 
 
ANTreas:
Ja. 
Aber so eine olle Wette feiert die Nutzlosigkeit. 
Da fällt mir ein, können sie sich noch an Spiel ohne Grenzen erinnern?
Das war wie Ninja Warrior, nur mit Schmierseife und unverständlichen Spielregeln.
 
Fra(n)g:
Völlig ungerecht. Gemein!
 
ANTreas:
Natürlich. Aber nur Fernsehen. 
 
Fra(n)g:
Was heißt nur Fernsehen? Auch dort muss ein Wettbewerb fair gerecht und professionell sein. 
 
ANTreas:
Sonst Shitstorm, ich weiß. 
Aber Makellosigkeit ist menschlich öde. 
Die ist nur wirtschaftlich interessant.
 
Fra(n)g:
Das klingt irgendwie kommunistisch. 
Nach Kopfweh am nächsten Morgen. 
Oder anders radikal. 
 
ANTreas:
Wie wäre es mit menschelnd.
 
Fra(n)g:
Sie finden es also gut, wenn ein Moderator den Namen seiner Besucherin vergisst, wenn er nicht mehr sicher ist, wie das mit den Wetten genau funktioniert, wenn er die Nachrichten in die Nacht verdrängt, sich TikToker wundert und übers Gendern lustig macht? 
 
ANTreas:
Vielleicht nicht gut. Aber nicht schlimm. 
Und ganz viele Leute fanden es unterhaltsam.
 
Fra(n)g:
Ist die Abwesenheit von gut nicht die Anwesenheit von schlecht?
 
ANTreas:
Das würde ich eine eher jugendliche Sichtweise nennen.
 
Fra(n)g:
Wie schön, dass sie mich als jung beschreiben.
 
ANTreas:
Nun ja, wenn sie meinen. 
Was ich sagen wollte, war, dass es ein Merkmal der Jugend ist zu polarisieren und zu dramatisieren. 
Oder derjenigen, die für immer jugendlich bleiben wollen - warum auch immer.
 
Fra(n)g:
<verzieht das Gesicht>
Und was machen die Erwachsenen?
 
ANTreas:
Die stehen etwas mehr über den Dingen. Und erfreuen sich an sinnlosen Wetten, von denen die absurdeste gewinnt. Und an nutzlosem Gerede. Und ebensolchen Scherzen.
Vielleicht war die Sendung so etwas wie die Wiederauferstehung der Sinn- und Nutzlosigkeit. 
 
Fra(n)g:
Gleich bei 14.000.000 Leuten?
 
ANTreas:
Wahrscheinlich hatten die schon alle gebadet und sich die Nägel geschnitten und damit ihr Tagessoll an sinnvollem Tun erfüllt. 
<skandiert im Gehen:>
ES LEBE DIE NUTZLOSIGKEIT! 
ES LEBE DIE NUTZLOSIGKEIT!