BELOGEN LÄCHELN


Diese Woche las ich im SPIEGEL ein Interview mit dem Chef eines Luxushotels. Unter anderem ging es darum, wie er mit den Superreichen und ihren Marotten umgeht.
 
Zusammengefasst: Er lügt die Herrschaften an. 
Wenn es jemandem zu kalt ist, kommt einer, macht ein liebes Gesicht, tut so, als täte er etwas und erkundigt sich eine viertel Stunde später, ob es jetzt angenehmer ist. Wieder mit liebem Gesicht. 
Das ist nur ein Beispiel.
 
Dass solcherlei Vorgehen bei Vorschulkindern hilft, war mir klar. Die werden ja viel verarscht. 
 
Aber bei Gästen eines Luxushotels? 
Und dann erzählt der Veräppelnde davon auch noch in der Zeitung, damit die, die er veräppelt, davon lesen können?
 
Für einem Moment dachte ich, es sei der erste April. 
Oder Verstehen Sie Spaß.
Es war aber der 24. Juli und für mich eine Zeitenwende.

Fra(n)g:
Ist Verlogenheit salonfähig geworden?
 
ANTreas:
Reden wir lieber davon, dass die Story stimmen muss. 
 
Fra(n)g:
Die Story?
 
ANTreas:
Na, jeder weiß doch heutzutage, dass man sich oder sein Produkt 
mit einer Story verkaufen muss. 
 
Fra(n)g:
Marketing in allen Bereichen?
 
ANTreas:
Genau. Und Marketing ist das Gegenteil von Aufrichtigkeit.
 
Fra(n)g:
Also darf man Leute anlügen und das hinterher als Dienstleistungsstrategie verkaufen?
 
ANTreas:
Wenn man davon ausgeht, dass das Klientel angelogen werden will, dann kann man das machen.
 
Fra(n)g:
Gibt es tatsächlich Leute, die beschissen werden wollen?
 
ANTreas:
Wenn Sie das so drastisch formulieren, dann vermutlich weder im konkreten noch im übertragenen Sinne.
 
Fra(n)g:
Den konkreten lassen wir mal außen vor. 
Aber wie soll ich den übertragenen denn anders formulieren?
 
ANTreas:
Leute wollen hofiert werden. 
 
Fra(n)g:
Um sich wie Hofdamen oder -herren zu fühlen?
 
ANTreas:
Die meisten glauben doch ohnehin, kleine Kings und Queens zu sein. 
Hin und wieder wollen sie das bestätigt kriegen.
 
Fra(n)g:
Um den Preis der Aufrichtigkeit?
 
ANTreas:
Ganz offensichtlich. Sie sind ja in Wahrheit keine Herrscher, keine mit Titel und keine ohne.
Sie so zu hofieren, als ob sie es wären, muss also gelogen sein.
 
Fra(n)g:
Und so wird der weicher formulierte Beschiss zum Geheimnis eines perfekten Miteinanders?
 
ANTreas:
Es wissen doch eh alle, dass man dem Chef, dem Kunden und auch Freunden gegenüber 
lieber lobt und Streit vermeidet.
 
Fra(n)g:
Man glaubt, täuschen zu dürfen, weil alle mit Täuschung rechnen? 
Das klingt nach einem sicheren Weg in eine schlechtere Welt. 
 
ANTreas:
Der Hotelmanager würde sagen, dass der Kunde König ist. Der Mitarbeiter, dass der Chef 
nun mal der Chef ist. Und der Freund, dass er lieber Spaß als Stress haben will. 
 
Fra(n)g:
Ist Aufrichtigkeit denn generell aus der Mode gekommen?
 
ANTreas:
Ich befürchte, ja. Wir leben in Zeiten von Social Media.
Ein neuer Held auf Instagram ist übrigens ein Japaner mittleren Alters, der sich im Web 
dank Gesichtsverfälschungsprogramm schon länger als junges Mädchen ausgibt.
Neulich hat er sein Lügen öffentlich gemacht. Nun wird dafür gefeiert, 
dass er sich das getraut hat. 
 
Fra(n)g:
Spricht daraus nicht eine gewisse Sehnsucht nach Aufrichtigkeit?
 
ANTreas:
Kann sein. Es zeigt aber auch, dass sie uns nicht wirklich wichtig ist. Der Mann hat jetzt nämlich noch mehr Follower, aber immer noch das falsche Gesicht eines jungen Mädchens. 
Nur dass das nicht mehr gelogen zu sein scheint. 
 
Fra(n)g:
Man adelt die Lüge, indem man sie zugibt?
 
ANTreas:
Genau. Wir sind in Sachen Aufrichtigkeit nicht anspruchsvoll. 
 
Fra(n)g:
Hauptsache, Wohlbefinden und gute Unterhaltung?
 
ANTreas:
So kann man es sagen. 
 
Fra(n)g:
Aber wo bleibt die stille Übereinkunft, dass man zumindest nicht darüber spricht, 
dass man flunkert?
 
ANTreas:
Im Fall des Hotelmanagers ist mir das ein Rätsel.
 
Fra(n)g:
Vielleicht glaubt er, dass seine Gäste keinen SPIEGEL lesen.
 
ANTreas:
Vielleicht. Aber es wäre wahrscheinlich auch egal, wenn sie es täten.
 
Fra(n)g:
Warum?
 
ANTreas:
Weil sie denken würden, dass er über andere Gäste spricht. Sie selbst 
werden natürlich nicht veräppelt, sondern sind ganz dicke mit ihm und seinen Mitarbeitern.
 
Fra(n)g:
Quasi echte Kings und Queens. 
 
ANTreas:
Die einzig echten.
 
Fra(n)g:
Darf ich das dusselig nennen?
 
ANTreas:
Dürfen Sie. Ihnen gelingen ja immer so gute Einordnungen.
 
Fra(n)g:
<lächelt>
Das freut mich, dass sie das sagen. 
 
ANTreas:
<grinst>
 
Fra(n)g:
Warum grinsen Sie? 
<Geistesblitz>
Sie haben das gar nicht so gemeint! 
 
ANTreas:
So ist es, Sie kleiner König.
 
Fra(n)g:
Und warum spreche ich trotzdem immer wieder mit Ihnen?
 
ANTreas:
Weil Sie sich einreden, dass ein kleines bisschen Wahrheit in meinen Worten liegt.
 
Fra(n)g:
Ist das denn so?
 
ANTreas:
<zieht sich lächelnd zurück>