LANGPLANER

Wer kein besonders gutes Gedächtnis hat, wird sich kaum noch erinnern: Irgendwann in diesem Jahr haben wir gewählt. Einen neuen Bundestag. 
Und weil der dann die Regierung wählt, auch die. 
Trotzdem gibt es noch keine. 
Denn bevor sie tatsächlich gewählt wird, muss sie präzise planen, was sie danach tut. Details für Situationen, die noch niemand so ganz genau kennt. 
 
Man nennt das Koalitionsverhandlungen. 

Fra(n)g:
Warum kann man nicht einfach sondieren und dann loslegen mit dem Regieren?
 
ANTreas:
Man will hinterher keine bösen Überraschungen erleben. 
 
Fra(n)g:
Was ist denn an Überraschungen böse? 
Ich freue mich über Geschenke.
 
ANTreas:
Böse sind sie, wenn das Unerwartete Probleme mit sich bringt.
 
Fra(n)g:
Probleme? Sie meinen, Herausforderungen.
 
ANTreas:
Für die meisten Leute stellt eine Herausforderung ein Problem dar. 
 
Fra(n)g:
Sie meinen, die meisten Leute können nicht überlegen, Lösungen finden und handeln?
 
ANTreas:
Das würden die meisten Leute, vor allem aber die Koalitionsverhandler, abstreiten.
 
Fra(n)g:
Sehen Sie. Dann stimmt das mit den bösen Überraschungen doch gar nicht. Das sagen die nur. 
Statt wochenlang zu verhandeln könnten sie einfach anfangen zu regieren. Immerhin haben sie schon Sondierungen gehabt. 
Was auch immer sie da miteinander getrieben haben. 
 
ANTreas:
In der Medizin sondiert man, indem man irgendwas Stab- oder Schlauchförmiges in Körperöffnungen führt und guckt, was drinnen so los ist. 
 
Fra(n)g:
Klingt für mich, als ob man sich danach gut genug kennen sollte. 
 
ANTreas:
Da ist was dran. 
Aber das ist ja nur übertragen gemeint. 
 
Fra(n)g:
Trotzdem könnte man einfach sagen, dass die grobe Richtung danach stimmt. 
Vielleicht könnten sie dann noch eine Themenliste anlegen und die von mir aus auch noch priorisieren. 
Aber spätestens dann könnte man anfangen und die Details im konkreten Moment angehen. 
 
ANTreas:
Dann kann es aber passieren, dass man sich im konkreten Moment nicht einig wird.
 
Fra(n)g:
Kann man sich da denn schlechter einigen als irgendwann vorher?
 
ANTreas:
Nein. Aber vielleicht hat man vorher mehr Zeit. 
 
Fra(n)g:
Wir haben doch gerade gesehen, dass man die nicht hat: 
Stell dir vor, es ist Corona und keiner macht was. 
Der Mensch plant bis ins Detail, auch wenn er gerade keine Zeit hat.  
 
ANTreas:
Jetzt reden sie vom Menschen im Allgemeinen, nicht mehr von den Koalitionsverhandlungen. 
 
Fra(n)g:
Politiker sind Menschen. Und Wähler auch. 
 
ANTreas:
Schlicht formuliert. Aber auf den Punkt. 
 
Fra(n)g:
Warum planen wir so gerne? 
Oder warum wird ein detaillierter Koalitionsvertrag verhandelt, obwohl man in der Zeit besser regieren würde und obwohl heute noch keiner was von den Viren der nächsten Generation oder von Jens-Ole weiß, der vielleicht irgendwann mit einem selbstgemalten Pappschild vor einem Altersheim sitzt und den Fokus auf die Pflege lenkt?
 
ANTreas:
Vielleicht weil es ungefährlich ist. 
 
Fra(n)g:
Ungefährlich? 
Sie meinen also, Koalitionsverhandlungen sind wie Regieren mit Sturzhelm und Knieschonern? 
 
ANTreas:
Vielleicht sogar wie virtuelles Regieren. 
Oder wie Monopoly. Da gibt man auch kein echtes Geld aus. 
Alles erst einmal ein Spiel. 
Und wenn man trotzdem so tut, als ob alles ganz wichtig und schwierig ist, dann beeindruckt das die Leute und ist gut fürs Ego. 
Dabei wird hinterher sowieso noch alles der aktuellen Lage angepasst. 
Oder ganz verschoben, weil keine Zeit. 
Oder gegen einen anderen Kompromiss eingetauscht. 
 
Fra(n)g:
Das Schöne am Planen ist also die Vorläufigkeit?
 
ANTreas:
Genau. Wenn ich vormittags plane, nachmittags zu joggen, muss ich noch nicht pusten und schwitzen. 
 
Fra(n)g:
Aber ich fühle mich schon wie ein Supersportler. 
Und noch schöner: Wenn es nachmittags tröpfelt, kann ich aufm Sofa sitzen blieben, mich immer noch sportlich fühlen und zusätzlich darüber klagen, dass ich mein Bewegungsprogramm übergeordneten Ereignissen unterordnen musste.
 
ANTreas:
Sehen Sie, Planen hat viele Vorteile. 
 
Fra(n)g:
Aber nur für die Planenden.
 
ANTreas:
Das hat in erster Linie Frau Merkel entdeckt. 
 
Fra(n)g:
Was hat die denn damit zu tun? 
 
ANTreas:
Die hat die langen Koalitionsverhandlungen erfunden. 
Davor ging es im Allgemeinen schneller. 
 
Fra(n)g:
Ach?
 
ANTreas:
Rot-Grün hat immer nur dreißig Tage gedauert. 
Wenn die heute mit über siebzig Tagen behaupten können, dass sie schnell und konzentriert sind, liegt das nur an Merkels High-Scores von 86 und sogar 172 Tagen. 
 
Fra(n)g:
Das heißt, im Vergleich zu den Genossen von früher ist Olaf Scholz eine Schnecke?
 
ANTreas:
Nein. Das heißt, dass Detail-Planungen im letzten Jahrzehnt in Mode gekommen sind. 
 
Fra(n)g:
Ich plane, also bin ich. 
Bei den Leuten, sowie in der Politik. 
Ein ungefährlicher Zeitvertreib,...
 
ANTreas:
… bei dem Konsequenzen vermieden werden...
 
Fra(n)g:
… und bei dem man vorgibt, den Laden im Griff zu haben.
 
ANTreas:
Genau. 
Dass man Herr der Lage ist. Oder Frau. 
<überlegt>
Oder zu den Beherrschenden der Lage gehört.
 
Fra(n)g:
Das ist ein Widerspruch in sich. 
Die Lage beherrschen doch nur diejenigen, die nicht planen. 
 
ANTreas:
Weil die Planung nie zur späteren genauen Lage passt. 
Richtig.
 
Fra(n)g:
Wäre Corona besser bekämpft worden, wenn es sich schon vor den letzten Koalitionsverhandlungen, also zweieinhalb Jahre vor Ausbruch, angekündigt hätte? 
Ich meine, so ein Virus könnte doch im Vorfeld eine Mail schreiben. 
 
ANTreas:
Ausgehend von der vierten Welle wäre es auch mit Aufnahme in den Koalitionsvertrag nicht besser gelaufen. 
Nein.
 
Fra(n)g:
Wie genau meinen Sie das?
 
ANTreas:
Na, die vierte Welle hatte sich doch vorher angekündigt. 
 
Fra(n)g:
Stimmt. Deswegen schimpfen jetzt die Virologen. 
Das heißt nichts Gutes für die Koalitionsverhandlungen. 
 
ANTreas:
Es heißt nichts Gutes für deren Nutzen. Wahrscheinlich bringen sie wenig. 
Die Verhandlungen selbst sind wahrscheinlich ganz hübsch. 
Man lernt neue Leute kennen und vielleicht ist die Verpflegung gut.
 
Fra(n)g:
Und man träumt von der Beherrschbarkeit der Lage. 
 
ANTreas:
Ein Paradies, aus dem man mit Unterschrift vertrieben wird. 
 
Fra(n)g:
Paradies? Sie meinen, die sind da alle nackig?
 
ANTreas:
Um Himmels willen. 
Paradies mit Klamotten. Und mit Christian Lindner. Und mit... 
Ach, vielleicht nennen wir es lieber Vorhölle und wünschen den Koalitionären viel Glück für das, was danach kommt.
 
Fra(n)g:
Fortune in der Hölle des politischen Alltags? 
Das sagen Sie aus eigenem Interesse, vermute ich.
 
ANTreas:
Ganz genau deswegen.