LIPPENANGST


Gestern im Zug saß mir mal wieder einer direkt im Nacken. 
 
Schon als er sich in die Reihe hinter uns zwängte, nahm ich einen außergewöhnlichen Luftzug von oben wahr. Ich wollte mich aber nicht umdrehen. Weil kurz danach ein Wind durch die Lücke zwischen unseren Rückenlehnen pfiff, sah ich doch nach. 
Sofort wurde mir klar, woher die Böen kamen: 
 
Ein Mann ohne Maske. 
Ich konnte seine Lippen sehen! 
Und er atmete! 
So ein Hund! 
 
Ich drückte mich in meinen Sitz und überprüfte den Sitz meiner FFP3. 
Es musste etwas geschehen! 

Fra(n)g:
Früher sang man von roten Lippen. 
Das war kacke. 
Aber heute sehe ich rot, wenn ich Lippen sehe. 
Das ist auch nicht viel besser. 
Vor allem aber weiß ich nicht, was ich sagen soll!
 
ANTreas:
„Würden Sie bitte eine Maske aufziehen!“, ist unmissverständlich, grammatikalisch korrekt und auch noch höflich. 
 
Fra(n)g: 
Aber vielleicht ist sie ein medizinischer Sonderfall. Atemwegsdefekte. Oder sie war in Guantanamo und hat seit dem Waterboarding Angst vor Mund-Nasen-Bedeckungen.
 
Fra(n)g:
Sie meinen, man könnte gegebenenfalls dastehen wie ein Volltrottel? 
 
ANTreas:
Es wäre zumindest peinlich. 
Vielleicht ist der Atemwegsdefekt sogar so schlimm, dass er nur noch kurz zu leben hat. 
Vielleicht ist dies seine letzte Zugfahrt. 
 
Fra(n)g:
Ich gebe Ihnen recht: Man soll Sterbende nicht zwingen, sich zu maskieren. Das wäre unmenschlich.
<denkt nach>
Aber wenn er gar nichts hat, sondern sich einfach nur weigert, eine Maske zu tragen?
 
ANTreas:
Es könnte natürlich sein, dass er nichts weiter ist als ein unsozialer Trottel. 
 
Fra(n)g:
Genau. Ein böser Viren-Wirt, dem völlig egal ist, ob er anderen Schaden zufügt. 
Oder der generell bezweifelt, dass es fiese Viren gibt. 
 
ANTreas: 
Dann ist er höchstwahrscheinlich auch nicht geimpft. 
<hört kurz in sich rein>
Ich spüre bereits ein Kratzen im Hals. 
 
Fra(n)g:
Kann er einen mit seinem Wind-Atem anstecken? 
Der pustet wie ein Wal beim Auftauchen.
 
ANTreas:
Man muss doch was sagen.
 
Fra(n)g:
Vor allem, weil er sich auch noch nach vorne lehnt. Das sind höchstens vierzig Zentimeter bis zu meinem Ohr.
Kommen die Viren eigentlich auch durchs Trommelfell in einen rein?
 
ANTreas:
Keine Ahnung, aber wir hängen jetzt mit dem halben Hintern in der Luft, nur damit wir ein bisschen Anstand, äh, ich meine Abstand, hinkriegen. 
Bis München geht das auf keinen Fall. 
 
Fra(n)g:
Vielleicht sollte man ihm Zeichen geben. Wie wäre es mit angucken und auf die eigene Maske tippen?
 
ANTreas:
Glauben Sie, er hört schwer? Oder spricht kein Deutsch? 
 
Fra(n)g:
Ein Hörgerät trägt er nicht, soweit ich das sehen kann. 
 
ANTreas:
Dann bitten Sie ihn doch einfach, eine Maske aufzusetzen.
 
Fra(n)g:

Aber dann komme ich mir vor wie ein spießiger Hausmeister. 
 
ANTreas:
So wie bei Huusmeister Kaczmarek – Siedlungskontroletti von den Bläck Föös.
 
Fra(n)g:
Mir ist nicht nach Singen. 
Schon gar nicht nach Karnevalsmusik. 
 
ANTreas:
Vielleicht kann von den anderen Leuten um uns rum jemand was sagen. 
Es sitzen doch genug hier.
 
Fra(n)g:

Die gucken, als ob sie nichts merken. 
<überlegt>
Meinen Sie, die finden das nicht weiter tragisch?
 
ANTreas:
Einige von denen sind bestimmt so besorgt wie Sie. 
Aber auch genauso feige.
Sie könnten der Zugbegleiterin ein heimliches Zeichen geben. 
 
Fra(n)g:
Genau! 
Die könnte die Polizei holen. Oder die GSG9.
 
ANTreas:
Aber sie war schon zur Kontrolle bei ihm und hat nichts gemacht. 
 
Fra(n)g:
Meinen Sie, das heißt, er ist doch ein bahnbekannter medizinischer Sonderfall?  
 
ANTreas:
Vielleicht auch nur ein bahnbekannter Trottel.
 
Fra(n)g:
Können sie ihn nicht einfach in ein Sechserabteil sperren? In diesem Zug gibt es doch sicher noch mehr von der Sorte. Alle zusammen, Tür zu. 
Dann sollen sie sich gegenseitig vollatmen.
 
ANTreas:
Ich plädiere eher für Abrüstung.
<Singt zur Melodie von Man in the mirror>
Der ist doch nur ein Mann ohne Maske.
 
Fra(n)g:
Sie meinen, bei Steuerhinterziehern urteilen wir milder?
 
ANTreas:
Das sind schlaue Kavaliere.
 
Fra(n)g: 
Oder bei Rauchern. Gegen die haben wir auch nichts. 
 
ANTreas:
Genau. Da kommen uns angeekeltes Naserümpfen, Hustereien und Luftröhrengriffe von einigen Nichtrauchern sogar übertrieben vor. 
 
Fra(n)g:
Sie raten also, die Sache gelassen anzugehen? 
 
ANTreas:
Wenn es zu sehr nervt, kann man auch freundlich Tschüß sagen, lächelnd winken und sich woanders hinsetzen. 
 
Fra(n)g:
Das hat was Souveränes. Aber was, wenn kein Platz frei ist?
 
ANTreas:
Entspannt atmen. 
Man ist schließlich geimpft und trägt eine Maske.  
 
Fra(n)g:
Stimmt auch wieder. 
 
ANTreas:
Und vielleicht wird er dann sogar traurig, weil niemand sich über ihn aufregt. 
 
Fra(n)g:
Zumindest, wenn er ein ungeimpfter Tölpel ist. 
 
ANTreas:
Eine Möchtegern-Aufregungs-Bombe, die nicht zündet.
 
Fra(n)g:
Stell dir vor, die Bürger sind wütend, und keinen interessiert‘s.
 
ANTreas:
Durch Missachtung gestraft. 
 
Fra(n)g:
Das gefällt mir. 
Könnten wir eigentlich, wenn eh keiner was macht, demnächst auch mal unsere Lippen zeigen und ohne Maske fahren? 
 
ANTreas:
Könnten wir. 
Machen wir aber nicht.
 
<beide ziehen sich zufrieden lächelnd zurück>