SCHENKER GEGEN GESCHENKGEGNER

 

Glöckchen, Türchen, Engelchen: Die Vorweihnachtszeit neigt zum Diminutiv. Alles soll klein, niedlich und heimelig sein. 
 
Von Geschenkchen spricht allerdings niemand. Oder vom Geschenklein. 
Ein ausgewachsenes Geschenk soll es sein. 
Punkt. 
Niedlich wird es durch die Verpackung. 
 
Der Diminutiv von Geschenk lautet Kleinigkeit. 
Diesen Begriff verwenden allerdings nur die Schenkenden. Sie wollen einem damit vormachen, man müsse nicht würdigen, dass sie sich sieben Stunden das Hirn zermartert haben, um genau auf dieses Präsent zu kommen. 
Kleinigkeit ist präsentgewordenes Komplimentefischen der Hochleistungsschenker. 
Sollte ein Empfänger irgendwann „Danke für die Kleinigkeit“ sagen, kann man sicher sein, er möchte den Abend direkt nach der Geschenkübergabe beenden. 
 
Schenken ist so umstritten wie traditionell und man kann froh sein, dass wegen der Debatte, ob es nun etwas geben soll oder nicht zumindest keine Straßenschlachten entstehen. Das Bundeskriminalamt warnt auch nicht vor terroristischen Umtrieben der Schenkverweigerer. 
 
Aber für Ehekrisen, Freundschaftbeenden, Partnertausch und Tränen reicht es allemal. 

Fra(n)g:
Warum streiten wir übers Schenken?
 
ANTreas:
Weil der eine etwas schenken will und der andere nicht. 
Und weil der Beschenkte das Gefühl hat, zurückschenken zu müssen.
 
Fra(n)g:
Vielleicht schenken manche auch nur, um etwas geschenkt zu bekommen.  
 
ANTreas:
Oder in vorauseilendem Gehorsam, weil sie glauben, dass sie beschenkt werden werden. 
 
Fra(n)g:
Ich bin schon nach fünf Sätzen verwirrt. Nicht nur grammatikalisch. 
Das dauert normalerweise länger. 
 
ANTreas:
Ich wollte nur andeuten, dass das Bedrohliche am Schenken nicht das Präsent ist, sondern der Subtext, der mitüberreicht wird.
 
Fra(n)g:
Es geht bei den Diskussionen ums Schenken also um den Prozess, nicht um die Gabe?
 
ANTreas:
Wegen der kriegt man sich eher selten in die Haare. 
 
Fra(n)g:
Selbst, wenn sie blöd ist?
 
ANTreas:
Auch dann nicht. 
Meistens verrät man ja nicht, dass es einem nicht gefällt. 
Und wenn man es doch tut, redet man wohl eher über den Schenker.
 
Fra(n)g:
Ist Schenken dann nicht ein Aufruf zur Unaufrichtigkeit?
 
ANTreas:
Es ist in erster Linie eine Tradition.
 
Fra(n)g:
So etwas wie ein großer Zapfenstreich zum Abschied der Bundeskanzlerin?
 
ANTreas:
So etwas in der Richtung. 
Das war ja auch ein Geschenk von der Bundeswehr an Frau Merkel. Statt eines Präsentkorbs. Oder eines kaputten Panzers. 
 
Fra(n)g:
Also so ein Zapfenstreich würde mir auch gefallen. 
 
ANTreas:
Kriegen sie aber nicht.
 
Fra(n)g:
Ist das nicht ein Problem, dass man meistens nicht bekommt, was man wirklich will?
 
ANTreas:
Schenken ist doch keine Bestellung bei Amazon: Ich will das – Klick - Ding-Dong - Hier ist es. 
Das funktioniert Ding-Dong - Hier ist es - Ich wusste gar nicht, dass ich das wollte. 
 
Fra(n)g:
Die könnte man auch schlicht und ergreifend Stress für den Lieferanten nennen. 
Sie finden es doch sicher auch anstrengend und schwierig, Geschenke zu machen.
 
ANTreas:
Ja. Aber das ist doch unter anderem der Sinn des Ganzen.
 
Fra(n)g:
Sich Stress aufzubürden?
 
ANTreas:
Nun ja, eher, sich etwas für den anderen zu überlegen. 
 
Fra(n)g:
Aber der Druck…
 
ANTreas:
Meine Güte, es geht nur um ein Geschenk. 
 
Fra(n)g:
Aber es soll etwas Besonderes sein. Den Beschenkten zeigen, wie kreativ ich an sie gedacht habe. Die sollen sich doch mindestens Löcher in die Bäuche freuen.
 
ANTreas:
Ich wiederhole: Meine Güte, es geht nur um ein Geschenk.
 
Fra(n)g:
Sie meinen, ich übertreibe?
    
ANTreas:
Ihr Anspruch ist zu hoch. 
 
Fra(n)g:
Kann es sein, dass ich andere zu glücklich machen will?
<kriegt einen christkindhaften Glanz in den Augen>
 
ANTreas:
<schielt>
Das glauben sie ja wohl selbst nicht!
Sie wollen sich selbst glücklich machen. 
Aber es gibt keinen Wettbewerb für den originellsten Schenker der Stadt.  
 
Fra(n)g:
Aber Schlips, Unterhose, Socken soll es ja wohl auch nicht sein.
 
ANTreas:
Krawatten nur für Schlipsträger. Unterhosen sind weiterverbreitet, die gehen bei fast jedem. 
 
Fra(n)g:
Aber man schenkt sie nur, wenn man sich zum Vollhorst machen will.
 
ANTreas:
Wissen Sie, dass das Wort Schenken von Einschenken kommt? 
Ursprünglich ging es also nur um ein Schluck Wasser, vielleicht Met.
 
Fra(n)g:
Amen. 
Das ist lange her.
Heute geht es um kommerzielle Geschenktermine wie Weihnachten und Geburtstage.
 
ANTreas:
Schenken sie denn außer der Reihe?
 
Fra(n)g:
Eigentlich schon. 
<denkt nach>
Aber dann vergesse ich es immer wieder. 
 
ANTreas:
Dann seien sie doch froh über die Termine. 
Kleine Reminder, dass sie dem ein oder anderen ohnehin etwas schenken wollten.
 
Fra(n)g:
So habe ich es noch nie gesehen.
Ich könnte ja zu Weihnachten auch ein Geschenk im Sommer verschenken. 
Ein Julipräsent tbd sozusagen. 
 
ANTreas:
Tolle Idee für Weihnachtsgeschenkmuffel. 
Sie sollten sich das dann aber in den Kalender eintragen. Ich als Beschenkter würde es mir nämlich auf alle Fälle aufschreiben.
 
Fra(n)g:
Wie kommen sie darauf, dass sie der Beschenkte sind?
 
ANTreas:
Vielleicht nicht der. Aber ein Beschenkter bestimmt. 
Weil sie sich freuen, wenn ich mich freue. 
 
Fra(n)g:
Sie meinen, beim Schenken muss auch der Beschenkte mitspielen? 
 
ANTreas:
Natürlich. Schenken ist Kommunikation. 
 
Fra(n)g:
Ist dann die Entscheidung, sich nichts zu schenken, eine besondere Form der Funkstille? Schweigsamer Haushalt, obwohl geredet wird?
 
ANTreas:
Man lässt sich damit zumindest eine Möglichkeit entgehen, aus einem außergewöhnlichen Anlass etwas Besonderes zu machen.
 
Fra(n)g:
Das klingt fast ein bisschen schade. 
 
ANTreas:
Sie haben vorhin von Stress und Druck geredet. Nicht ich. 
Fröhliche Weihnachten übrigens.
<überreicht eine Schachtel mit roter Schleife>
 
Fra(n)g:
Oh nein. Wie konnten sie nur? Wir wollten doch nicht.
Jetzt stehe ich da wie ein Depp. 
Ich habe natürlich nichts. 
 
ANTreas:
<lacht> 
Sie sind ja auch für die Fragen zuständig. 
Ohne sie gäbe es den Inhalt der Schachtel gar nicht. 
 
Fra(n)g:
<schüttelt die Box>. 
Ist da gar nichts drin?
 
ANTreas:
Nur ein paar Gedanken. Auf Vorrat fürs nächste Jahr.
 
Fra(n)g:
<tut so, als schüttele er etwas aus dem Ärmel in die Box, 
und gibt sie dann mit großer Geste zurück>
Hier von mir für sie schon mal ein paar Fragen. 
Und ebenfalls schöne Weihnachten. 
 
<beide ziehen sich dankbar lächelnd in ihre jeweilige Hirnhälfte zurück>