SPIESSERSUCHEN



Manchmal möchte man wissen, wieviel Wasser das vertrocknete Etwas auf dem Balkon zum Überleben gebraucht hätte. Deswegen haben wir am Wochenende eine Gartensendung geguckt. Paare, halb so alt wie wir selbst, kriegten Tipps von Profis. 
 
Schon nach drei Minuten poppte in meinem Kopf die Bausparkassen-Werbung aus den 2000ern auf. „Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!“ Was soll man sagen? Die Kleine ist mittlerweile erwachsen! Und sie hat ein Häuschen gekauft. Mit Garten. Den lässt sie sich jetzt in ihren Traumgarten umbauen. 
 
Richtig gelesen: Es geht ums Bauen, nicht ums Pflanzen. Sichtschutz ist das große Thema! Gemauert, aus Beton gegossen oder aus Plastik geformt verbirgt er die Leute vor ihren Artgenossen und umgekehrt. Und zwar höchst effizient. Das ist wichtig. Nur wenn man neben Weltklasse-Hochspringern oder Reinhold Messner wohnt, muss man noch befürchten, dass jemand drüberlinst. Ansonsten absolut blickdicht. Die Eigenheim-Paare finden das total kuschelig. Von Gefängnis oder Gruft hat komischerweise keiner gesprochen. 
 
Lieber Himmel, ist das spießig, dachte ich. Dann war ich mir nicht sicher. Gibt es denn noch so richtige Spießer? Vielleicht ist es einfach nur traurig oder fürchterlich. 
Eventuell bin ich sogar selbst der Spießer, weil ich den Leuten ihren Spaß, sich selbst einzumauern, nicht lassen kann. 
 
Das musste besprochen werden! 

Fra(n)g:
Was macht ein Spießer?
 
ANTreas:
Ursprünglich verteidigt er seine Stadt mit einem Spieß.
 
Fra(n)g:
Und heute?
 
ANTreas:
Spießt er das Neue, Ungewöhnliche oder Fremde auf.
 
Fra(n)g:
Aber ist Spießer nicht ein Dauerzustand? Das ist man doch auch, wenn man gerade nichts aufspießt.
 
ANTreas:
Vermutlich ist es eine permanente Geisteshaltung. Allzeit zum Spießen bereit.
Selbst im Mittelalter hatten Spießer ja nur so was wie Bereitschaftsdienst. Zwischendurch haben sie gearbeitet, gefeiert, sicher auch mal Sex gehabt.  

Fra(n)g:
Haben heutige Spießer auch Sex?
 
ANTreas:
Wahrscheinlich. 
Nach Kalender. 
Immer donnerstags.
 
Fra(n)g:
Das wäre häufiger als andere! 
Wer hätte das gedacht. 
Was macht der heutige Spießer denn sonst noch? 
 
ANTreas:
Er hält Veränderung für schlecht. Aus Prinzip.
 
Fra(n)g:
Selbst, wenn das Wetter besser wird?
 
ANTreas:
<überlegt>
Da wird er eine Ausnahme machen.
Vielleicht geht es um menschengemachte Veränderung. 
 
Fra(n)g:
Sie meinen die Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Fraktion?
 
ANTreas:
Genau.
 
Fra(n)g:
Traut sich das heute noch jemand zu sagen?
 
ANTreas:
In dieser Absolutheit wohl kaum. 
 
Fra(n)g:
Ist Absolutheit das Wesen des Spießers?
 
ANTreas:
Unbedingt. 
 
Fra(n)g:
Aber wenn sich das Haben-wir-schon-immer-Blabla keiner mehr traut, dann ist der Spießer doch ausgestorben.
 
ANTreas:
Irgendwie habe ich daran meine Zweifel. 
 
Fra(n)g:
Warum?
 
ANTreas:
Nicht, weil es noch immer Gartenzwerge gibt. Die versuchen ja schon wieder cool zu sein. 
 
Fra(n)g:
Sie meinen, man kann Dinge entspießen?
 
ANTreas:
Hoffentlich nicht nur Sachen, sondern mit einem bisschen Druck auch Personen.
 
Fra(n)g:
Sie wollen jetzt aber nicht sagen, dass man Spießer schlagen sollte, damit sie sich ändern. 
 
ANTreas:
Natürlich nicht. Obwohl, so ein kleiner Schubs…
 
Fra(n)g:
Na, na, na.
Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, dass wir in unserer Verachtung des Spießigen vielleicht über das Ziel hinausgeschossen sind?
 
ANTreas:
Habe ich nicht. Aber Sie werden mir erklären, warum Sie das vermuten.
 
Fra(n)g:
Weil die Vehemenz, mit der man heute Anti-Spießer ist, eine den Spießer definierende Eigenschaft ist. 
 
ANTreas:
Da ist was dran. 
Statt Zwergen stellen wir uns dann eine Formation bepflanzter Gummistiefel in den Garten und halten uns für schräge Vögel.
 
Fra(n)g:
Oder finden als Frau, dass der Mann das mit den Kids und dem Haushalt doch nicht so gut kann. Einfach kein Händchen…
Da fällt mir ein: Sind Dekotipps aus der Landlust eigentlich generell spießig?
 
ANTreas:
Nein. Aber einige sie können geschmacklich problematisch sein.
 
Fra(n)g:
Reicht diese Abwertung nicht auch für Sichtschutzbetonwände? Einfach nur hässlich und nicht Ausdruck der falschen Lebenseinstellung?
 
ANTreas:
Die sind mehr als hässlich, eher visuelle Katastrophen oder geschmackliche Desaster. 
Aber darüber hinaus möchte ich sie auch als spießig bezeichnen.
 
Fra(n)g:
Wieso das?
 
ANTreas:
Weil sie Kontakt zu anderen Leuten verhindern. 
 
Fra(n)g:
Ein bisschen Privatsphäre zu wollen, ist also spießig? 
 
ANTreas:
So ausgedrückt klingt das in der Tat komisch. Aber ein bisschen miteinander zu reden, hat wahrscheinlich noch niemanden engstirniger gemacht.
Wussten Sie eigentlich, dass es auch linke Neo-Spießer geben soll.
 
Fra(n)g:
Ui. Was sind das denn für Typen?
 
ANTreas:
Na, die wissen auch genau, wie das Leben zu laufen hat. Nämlich unkonventionell. 
Daran hat man sich zu halten.
 
Fra(n)g:
Könnte man das spießigen Anti-Spießismus nennen?
 
ANTreas:
Das klingt gut. Kann sich aber keiner merken und ist auch kein Wort.
 
Fra(n)g:
Aber trotzdem: Wenn wir die Spießer von heute unter den früheren Spießer-Bekämpfern finden, was ist denn dann aus denen von früher geworden? Sozusagen aus den Originalen?
 
ANTreas:
Die sind entweder tot oder undercover. 
 
Fra(n)g:
Undercover? Spießer im Untergrund?
 
ANTreas:
Wer will schon permanent beschimpft werden.
 
Fra(n)g:
Verstehe. 
Aber haben sich denn auch welche zum Guten verändert, so wie das Wetter?
 
ANTreas:
Ja, die gab es aber schon immer. Das nennt man altersmilde. Anders ausgedrückt: Am Ende des Lebens fehlt sogar die Kraft, spießig zu sein.
 
Fra(n)g:
Und die Undercover-Spießer? Wo treiben die sich rum?
 
ANTreas:
Die haben bewiesen, dass Veränderungen tatsächlich zum Schlechteren führen können.
 
Fra(n)g:
Was meinen Sie damit?
 
ANTreas:
Sie haben ihre Spießigkeit radikalisiert und sind jetzt bei der AfD. Dort behaupten sie, sie seien das Neue und gegen das Establishment. 
 
Fra(n)g:
Der Spießer im Mäntelchen des rechten Revoluzzers.
 
ANTreas:
Genau. 
Und zur Tarnung benehmen sie sich schlecht. Führen sich auf wie halbstarke Pöbler, um ihre spießigen Überzeugungen zum Anti-Gedöns zu pimpen. 
 
Fra(n)g:
Da wünscht man sich doch irgendwann den guten alten Spießer zurück. 
 
ANTreas:
Den musste man zumindest nicht so oft im Fernsehen ertragen. 
Und wenn, dann als Ekel Alfred. Der war immerhin lustig. 
 
Fra(n)g:
Und was machen wir jetzt mit den nervenden Spießbürgern in der Nonkonformitäts-Tarnung?
 
ANTreas:
Wir trennen uns von unserer Aversion gegen Sichtschutzmauern! Wir brauchen mehr davon!
 
Fra(n)g:
Sie meinen, eine für Weidel, eine für Gauland, eine für Chrupalla, eine für Beatrix…
Dann hätte jeder sein eigenes kleines Reich hinter der Wand.
 
ANTreas:
Und da wir keine Weltklasse-Hochspringer sind, müssen wir sie auch nie mehr angucken.