ZUFRIEDENHEIT PRAECOX

Olympia ist vorbei. Zum Glück. Jetzt bleibt uns der Akzent des Englisch sprechenden Thomas Bach genauso erspart wie die Nett-Plauder-Ambitionen Katrin Müller-Hohensteins. Kameltreiber-Motivatoren und Hau-drauf-Trainerinnen verschwinden wieder vom Bildschirm. Und, ganz wichtig, Leute können wieder heulen, ohne dass Millionen Augen das sehen. Zu flennen ist doch eher privat, egal, ob aus Freude oder aus Frust. 
 
Während wir also das meiste wieder los sind, hallt eine Sache nach: der Medaillenspiegel. 
 
Da hat Deutschland ordentlich verloren. Platz neun. Beim letzten Mal war es immerhin noch der fünfte. 
 

Fra(n)g:

Immer dieser Fokus aufs Gewinnen. Dabeisein ist doch alles!
 
ANTreas:
Genau diese Einstellung sorgt dafür, dass man anfängt, Mittelmaß zu feiern. 
 
Fra(n)g:
Oder man feiert weniger. 
 
ANTreas:
Wirklich?
 
Fra(n)g:
<überlegt>
Nee, das ist keine Option. 
Sie meinen also wirklich, wir wollen zu wenig gewinnen?
 
ANTreas:
Vielleicht sind wir zu früh zufrieden. 
Früher hat Gitte „Ich will alles“ geträllert, heute wird „Lieber Wolke 4 mit dir“ zum Hit.
 
Fra(n)g:
Heißt das in Ihrem Fall, dass Sie Ihre Antworten für schlau halten, obwohl Sie noch kein zweites Mal darüber nachgedacht haben?
 
ANTreas:
Sie Fuchs! 
In meinem Fall ist das nicht so ausgeprägt.
 
Fra(n)g:
<rollt die Augen nach hinten>
Bei wem ist es denn schlimmer?
 
ANTreas:
Zum Beispiel bei ambitionierten Eltern. 
 
Fra(n)g:
Aber es ist doch gut, wenn die den Nachwuchs fördern und unterstützen.
 
ANTreas:
Aber es geht um mehr Realismus.
 
Fra(n)g:
Was ist denn unrealisitsch?
 
ANTreas:
Zum Beispiel, dass Schüler heute schlauer sind als vor dreißig Jahren.
 
Fra(n)g:
Wer sagt das?
 
ANTreas:
Es machen heute über die Hälfte eines Jahrgangs Abitur. In den Neunzigern war es ein gutes Drittel. 
 
Fra(n)g:
Das ist doch gut. Bildung hilft gegen Armut, gegen Verschwörungstheorien, gegen Dummheiten…
 
ANTreas:
<fällt ihm ins Wort>
Die Frage ist, ob der Bildungsstandard tatsächlich zugenommen hat. 
Schlauer geworden sind die Leute zumindest nicht. Der durchschnittliche IQ sinkt seit Jahren. 
 
Fra(n)g:
Mmmmh. Wie passt das zusammen?
 
ANTreas:
Die Anforderungen werden gesenkt. 
 
Fra(n)g:
Nur weil es anders wird, wird es nicht gleich leichter.
 
ANTreas:
Da ist was dran.
Aber weil Eltern nur klagen, wenn der Vorzeige-Sprössling eine Vier kriegt und nicht, weil ein wenig schlaues Kind mal eine Zwei schreibt, geht es wahrscheinlich nach unten mit den Anforderungen. 
Überhaupt die Eltern. Tun so, als ob sie selbst benotet werden. 
 
Fra(n)g:
Sie meinen, dass ein Sitzenbleiber ein Problem fürs Mama-und-Papa-Image darstellt?
 
ANTreas:
Wahrscheinlich. 
Meistens geht es aber sogar nur um Zehntel nach der Eins. 
Wer da kein Geld für Anwälte ausgeben kann, unterschreibt dann eine Petition, dass die Aufgaben in Mathe viel zu schwer waren – auch wenn er die nie gesehen hat.
 
Fra(n)g:
Die wollen ihren Kindern halt helfen.
 
ANTreas:
Ich nenne das eher Zufriedenheit praecox.
 
Fra(n)g:
Ein neues Wort?
 
ANTreas:
Eher ein neues Verhalten. 
In diesem Fall kommt halt die Zufriedenheit zu früh. 
Man jubelt, weil das Kind nur elf Meter neben das Tor geschossen und damit fast getroffen hat oder beim Hundertmeterlauf in einer Minute nicht gefallen ist.
 
Fra(n)g:
Ist das nicht angesagt, um den Nachwuchs zu motivieren?
 
ANTreas:
„Das hast du ganz toll gemacht!“, auch wenn es schlecht, manchmal sogar grottenschlecht war? Gerahmtes Gekritzel hinter dem Schreibtisch?
Mit dieser Form von Motivation gewinnt man weder EM-Titel noch Goldmedaillen.
 
Fra(n)g:
Aber man sollte Sport wirklich nicht überbewerten. 
 
ANTreas:
Es macht aber leider den Eindruck, als ob die für alles Gelobten auch keine erfolgreichen Start-Ups gründen. Von den fast fünfhundert, die über eine Milliarde wert sind, kommen ganze sieben von hier.
 
Fra(n)g:
Aber auch davon geht das Land nicht unter. Denken Sie an den Mittelstand, Exportweltmeister und SAP. 
 
ANTreas:
Trotzdem hat man das Gefühl, dass Wunsch und Fähigkeit, Außergewöhnliches zu schaffen, abnehmen. Irgendwann wird Made in Germany vielleicht auf Platz siebzehn oder fünfundzwanzig durchgereicht.
 
Fra(n)g:
Na, jetzt malen Sie aber schwarz.
 
ANTreas:
Haben Sie denn das Gefühl, es geht nach oben? 
 
Fra(n)g:
Schön wäre es.
 
ANTreas:
Sehen Sie. Alles soll immer besser werden. 
 
Fra(n)g:
Ich finde, wir haben die Top Five verdient. In jeglicher Hinsicht.
 
ANTreas:
Ich befürchte, Sie glauben sogar, die Spitze steht Ihnen zu. 
Es steht aber zu befürchten, dass wir uns dafür mehr anstrengen müssen. Alle. 
 
Fra(n)g:
Aber das tun die allermeisten doch. 
 
ANTreas:
Offensichtlich nicht genug. 
 
Fra(n)g:
Und das liegt daran, dass der Nachwuchs zu viel gelobt wird?
 
ANTreas:
Nein. Aber vielleicht daran, dass man auch für nichts lobt. „Schatz, wie toll!“ statt „Schatz, du musst mehr üben“, wenn jemand schief Blockflöte spielt.
 
Fra(n)g:
Und wer bestimmt, wann etwas gut genug ist? 
 
ANTreas:
Das Ziel.
 
Fra(n)g:
Bitte?
 
ANTreas:
Das Ziel bestimmt, was gut genug ist. 
Wenn jemand im Orchester Flöte spielen will, muss er gut sein. Er sollte in jungen Jahren zumindest Stairway to Heaven fehlerfrei beherrschen. 
Wenn jemand nur für sich flötet, ist das nicht nötig. 
Aber er ist dann auch nur Platz siebzehn oder fünfundzwanzig, gerade mal gut genug, um für sich zu spielen. 
Das ist was anderes.
 
Fra(n)g:
Gut muss sich also mit den Besten messen lassen?
 
ANTreas:
Na klar. Die Besten sind deutlich besser als der Durchschnitt. 
 
Fra(n)g:
Aber das ist Deutschland im Medaillenspiegel doch. 
 
ANTreas:
Trotzdem sind wir schlechter als vor fünf, vor acht, vor zwölf, vor sechzehn Jahren und so weiter.
 
Fra(n)g:
Jetzt kommen Sie auch noch mit dem Alter-Sack-Motto, dass früher alles besser war?
 
ANTreas:
Ich rede über Potenzial. 
 
Fra(n)g:
Wie will man das berechnen?
 
ANTreas:
Zum Beispiel, indem man die Anzahl erfolgreicher Startups in Bezug zur aktuellen Wirtschaftsleistung stellt. Oder die Ausbeute an Medaillen. Dabei wäre Deutschland dann übrigens siebenundsiebzigster. 
Wenn man gnädiger sein möchte, nimmt man die Einwohnerzahl als Basis. Dann wären wir immerhin siebenundvierzigster.
 
Fra(n)g:
Sie Miesepeter. Jetzt wollen Sie wohl schlechte Stimmung verbreiten. 
 
ANTreas:
Nein. Aber zu viel gut macht nicht gut. 
Man kann Dinge nicht gutreden, die nicht gut sind. 
Vielleicht bremst das sogar den Ehrgeiz.
 
Fra(n)g:
Nun fahren Sie aber Geschütze auf. Wie wollen Sie das denn belegen?
 
ANTreas:
Der deutsche Athletensprecher hat gefordert, dass jede Medaille gleich bewertet werden sollte, egal ob Gold, Silber oder Bronze. In einem solchen Ranking würde Deutschland sich um einen mickrigen Platz verbessern. 
Weniger Ambition zu gewinnen und einen deutlichen Schritt nach vorne zu machen, kann es kaum noch geben. 
Demnächst unterschreiben wir noch eine Petition, dass die anderen nicht so gut sein sollen.
 
Fra(n)g:
Seit wann sind Sie so ein Leistungsfreak? Das ist ja schrecklich.
Was haben Sie selbst eigentlich fertiggebracht?
 
ANTreas:
Nichts Weltbewegendes. Aber das geht ja den meisten Leuten im Durchschnitt so. 
Wir reden hier aber von den Spitzen, die die Allgemeinheit ein kleines bisschen überragen. Und deren Niveau ist von dem des Durchschnitts abhängig. Je niedriger das ist, desto früher ragen sie heraus.
 
Fra(n)g:
Gut, dann leben wir halt mit weniger Spitzenathleten, mit den wir jubeln können, und werden ein bisschen ärmer. 
Dafür freuen wir uns über gechilltere Menschen, die nett zueinander sind und vor allem Gutes tun.
 
ANTreas:
Das habe ich auch mal gedacht.
 
Fra(n)g:
Und dann?
 
ANTreas:
Dann kam Greta Thunberg. Und die ist auch nicht von hier.