Manuskript: 

Ein Haus ist ein Schloss, 

nur ohne König 

Stadtroman
24 Kapitel, 330 Seiten

 

Wie über die Hälfte aller Städter in Deutschland lebt Jan allein. Er tut es aus Überzeugung! 

Affären und mittleres Management erfüllen ihn, außerdem hat er Freunde, sehr gute sogar. Um seine Combo wird er schon seit Unizeiten beneidet. Er glaubt auch an Bewunderer, heimlich, hinter den Fenstern der Nachbarschaft, wenn er nach dem Joggen im Licht der offenen Kühlschranktür Buttermilch trinkt, nur ein Handtuch um die Hüften. 

Jan mag sich. 

Erwischt zu werden, wenn er gedankenverloren seine Brusthaare im offenen Hemd krault, ist ihm allerdings peinlich.   

 

Dann ist seine neue Zahnärztin jünger als er. 

 

Jemand auf dem Sofa, ohne vorher telefonieren zu müssen, wäre nicht schlecht, schießt es ihm immer häufiger durch den Kopf. Für Beziehungen ist er nicht geschaffen, aber zum Glück hat er Isabell, Sandra, Torsten und die Schmidts. Die besten Freunde lassen sich von Jans Idee mitreißen: ein gemeinsames Haus, jeder eine eigene Wohnung; keine WG, aber Nachbarn, die man gutfindet. Gemeinsam beginnen sie zu planen und zu suchen. 

 

Was beim Spaßhaben hilft, könnte beim Zusammenleben allerdings zur Überdosis werden. Die Trend-Alternative zur Familienkiste entwickelt sich zum Stresstest für die Combo und auf einmal geht es für Jan darum, sein Lebensmodell zu retten.  

 

„Ein Haus ist ein Schloss, nur ohne König“ erzählt vom Alltags-Narzissmus erfolgreicher Großstädter, die mit Gelächter, Wein und perfektem Image in Sackgassen rasen, und von ihren ungeschmeidigen Versuchen, die Einsamkeit hinter sich zu lassen. 

Eine Geschichte über Jan...


Er öffnete zwei weitere Knöpfe seines weißen Leinenhemds. Die oberen vier offen, das war sein Dresscode für Sexappeal, fünf erschienen ihm billig. Er genoss die Blicke, egal, ob echt oder eingebildet, aber auch jeden Windhauch, der seine Brusthaare um wenige Millimeter bewegte. Andere Männer mochten das nicht spüren, für ihn war sein Oberkörper, die Brustmuskulatur mit dem gleichmäßig gestutzten Haar, das Zentrum seiner erotischen Anziehungskraft. 


Grundsatzfragen ohne fassbaren Anlass: Das kannte Jan nicht und seine Lust, mitten in der Nacht mit sich selbst zu debattieren, hielt sich in Grenzen. Er hatte den aufblitzenden Zweifel an seinem Lebensmodell auf den sehr guten Rotwein geschoben, der durch den Champagner nach Mitternacht mehr aufgewühlt worden war, als es einem abgerundeten Bouquet seiner Klasse aufgebürdet werden sollte. 

Er hatte sich nie getraut, aus der Kirche auszutreten, weil er seinen Eltern diesen Schock ersparen wollte. Daran hatte er zumindest früher geglaubt. Heute wusste er, dass er auch nach ihrem Tod Mitglied bleiben würde. Ein Rest Respekt vorm Herrgott und seinen Vertretern war geblieben. Jan wollte lieber kein Risiko eingehen. 

Seine zwei Puffbesuche in jungen Jahren hatten ihm diesen Weg der Befriedigung für alle Zeiten verleidet. Zwar war er überzeugt gewesen, dass die Frauen wirklich gerne mit ihm schliefen, aber es hatte komisch gerochen. In Bordellen wurde definitiv zu wenig gelüftet. 

... über Menschen in der Stadt,






„Man braucht wirklich nicht viel“, sagte Jan, atmete mit gelöstem Blick über das Wasser bewusst ein und stellte sein Glas neben sich auf dem hellen Beton ab. 

„Darf ich hoffen, mich verhört zu haben?“, fragte Isabell. 

Sandra schmunzelte. 

Isabell fuhr fort: „Du meinst, nicht viel, bis auf einen teuren Wein, eine bombastische Aussicht, eine schicke Wohnung und einen hochbezahlten Job.“ 

„Und gute Freunde, die bei all dem mithalten können“, ergänzte Sandra und bedankte sich bei ihrer Mitstreiterin. 

„Ihr wisst schon, wie ich das gemeint habe.“

„Wir sind hier nicht bei Die Liebenden von Pont-Neuf , Jan, und nur weil du auf dem Boden sitzt, bist du noch lange kein Clochard. “ 


... über Freundschaft,

Torsten erschien in der Wohnungstür. Er sah aus wie immer. 

Sandra marschierte auf ihn zu, nahm ihn in ihre Arme und sagte: „Es tut mir leid, mein Lieber. Wir kriegen das hin!“ Sie hatte ihren normalen Tonfall wiedergefunden, jede einzelne Silbe klang aufrichtig und zuversichtlich. 

Jan überlegte, wie er Torsten normalerweise begrüßte. Umarmung oder einfach nur die Hand auf den Oberarm? Er wusste es nicht, klopfte seinen Freund, ohne dass sich ihre Oberkörper berührten, mehrmals auf den Rücken und hoffte, dass es nicht wehtat. Außer „Grüß Dich“ sagte er nichts. 

Die Schmidts und Isabell saßen nebeneinander auf dem Sofa: Wartehäuschen, strömender Regen, Bus viel zu spät. Als Gruppe hatten sie eindeutig mehr Übung im Lustigsein. Ihre Hallos waren leiser als sonst, fast so, als ob Begrüßungen  unanständig wären. Gleichzeitig bemühte sich jeder, ein Beerdigungsgesicht zu vermeiden, was scheitern musste, weil das Bemühen zu deutlich war. 




... über Familie,


Sein Vater nannte seine älteste Tochter seit über fünfzig Jahren Engelchen, die zweitälteste Teufelein. Die Zwillinge hatten es nicht zu Spitznamen gebracht, sie wurden Franka und Freia gerufen. Der Stammhalter der Dynastie, die unadelig und nichts weiter als eine normale Familie war, war Sonnyboy. Angeblich, weil es bei Jans Geburt gegossen hatte. Alle in der Familie wussten, dass diese Begründung nicht nur falsch hergeleitet, sondern auch gelogen war, dass es nicht ums Wetter ging, sondern ums XY-Chromosom. Töchter zwei bis vier waren gescheiterte Versuche, einen Sohn zu zeugen. Immerhin, ohne daraus sichtbare Nachteile erlitten zu haben. 


 „Was würdet ihr eigentlich sagen, wenn ich wieder bei euch einziehen würde? Angeblich wohnen unverheiratete Söhne doch immer länger bei ihren Eltern. Da wären wir voll im Trend.“ 
„Ich würde die Tür von innen abschließen und den Schlüssel stecken lassen. Ich bin ja nicht dafür haftbar, dass mein Sohn keine Frau findet.“ 

... übers Büro,




Sein Chef war, so erschien es Jan auch an diesem Tag wieder, eine Witzfigur ohne natürliche Autorität, frei von Charisma und leider auch inhaltlich nicht die hellste Leuchte am Journalistenhimmel. Um das auszugleichen, hatte er hinter seinem Schreibtisch, auf dem beliebig gestapelte Papiere Ordnung vortäuschten, eine Ich-plus-X-Fotowand mit Schnappschüssen von Prominenten und ihm selbst eingerichtet. Jan kannte so etwas nur aus verranzten italienischen Restaurants mit Sechzigerjahre-Charme, in denen irgendwann die Lollobrigida, die Loren oder Claudia Cardinale den mafiös wirkenden Pizzabäcker zum Glänzen bringen mussten. 




 Das Team, sechs Männer und zwei Frauen, begab sich regelmäßig in Machtkämpfe um Einfluss in der Abteilung. Jeder am Tisch wollte, dass die Kollegen nach seiner Pfeife tanzten. Aber es gab zu viele Pfeifen. Für Jan war es leicht zu gewinnen. 

„Testosterongefechte“, hatte Isabell die Diskussionen getauft, weil sie allen Ernstes glaubte, dass nur die Männer um ihren Vorteil kämpften. 

„Botoxkriege“, hatte Jan ihr entgegengehalten. Frauen verpassten ihren Opfern ohne mimische Erregung eine Überdosis. Die Schlachten der Männer sorgten zumindest für verzerrte Gesichter und hinterließen blaue Flecken. Jan war überzeugt, das sei besser. 

... und über ein Haus





Das Gebäude war nicht nur dezent, es wirkte verbindlich, nahezu gesund, als ob es sämtliche von der Krankenkasse empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen pünktlich und ohne Auffälligkeiten absolviert hatte und morgens und abends die Zähne putzte. Soweit Jan das einschätzen konnte, war die Bude tipptopp in Schuss.